Gefangen in Berlin-Hohenschönhausen - Geschichte politischer Verfolgung

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet sich an einem Ort, der wie kaum ein anderer mit der 44­jährigen Geschichte politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR verknüpft ist. Hier wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein sowjetisches Speziallager eingerichtet, danach das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Ostdeutschland. Anfang 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Gefängnis und nutzte es bis Ende 1989 als zentrale Untersuchungshaftanstalt.

Das MfS war die Geheimpolizei der SED und als „Schild und Schwert“ das wichtigste Instrument zur Aufrechterhaltung der kommunistischen Diktatur. 91.000 hauptamtliche und 189.000 inoffizielle Mitarbeiter sorgten zuletzt für eine flächendeckende Überwachung der Bevölkerung. Wer Widerstand leistete oder zu flüchten versuchte, kam in eines der insgesamt 17 MfS­Untersuchungsgefängnisse. Gelenkt wurden sie von der Zentrale in Berlin-­Hohenschönhausen.

Seitenhof mit Altbau (rechts) und Haftkrankenhaus (links) Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

 

Das Lager

Auf dem Gelände des Untersuchungsgefängnisses in Berlin-­Hohenschönhausen befand sich ursprünglich eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Der 1939 fertiggestellte Backsteinbau wurde im Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und zum Speziallager Nr. 3 umfunktioniert. Es diente als Sammel­- und Durchgangslager für etwa 20.000 Gefangene. Die Lebensbedingungen im Lager waren katastrophal. Auf engstem Raum waren zeitweise über 4.200 Menschen zusammengepfercht, die vollkommen unzureichend ernährt wurden. Etwa 1.000 Menschen kamen ums Leben. Ihre Leichen wurden in der Umgebung in Bombentrichtern verscharrt.

Grundlage der Inhaftierungen war der sowjetische Befehl Nr.00315 vom April 1945. Danach waren Spione, Terroristen, Funktionäre der NSDAP, Polizei­- und Geheimdienstangehörige, Verwaltungsbeamte und andere „feindliche Elemente“ in Deutschland zu verhaften. Prominentester Gefangener war der Schauspieler Heinrich George. Er wurde 1946 nach Sachsenhausen verlegt, wo er wenig später starb.
Die Häftlinge wurden vielfach jahrelang ohne Gerichtsprozess festgehalten. Immer häufiger verschwanden auch politische Gegner der sowjetischen Besatzungsmacht im Lager Hohenschönhausen – wie der sozialdemokratische
Kommandant der Berliner Schutzpolizei Karl Heinrich, der dort Ende 1945 starb. Das Lager wurde im Oktober 1946 aufgelöst, die Gefangenen wurden an andere Orte verlegt.

Gefangenentransporter "Barkas 1000" in der Eingangsschleuse Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

 

Zelle im Gefangenentransporter "Barkas 1000" Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

 

Das „U-Boot“

In dem leerstehenden Fabrikgebäude entstand ab 1947 das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Deutschland. Häftlinge mussten im Keller fensterlose, bunkerartige Zellen errichten: das sogenannte „U-Boot“. Die feuchtkalten Kammern waren nur mit einer Holzpritsche und einem Kübel ausgestattet. Tag und Nacht brannte eine Glühbirne. Die Verhöre fanden vor allem nachts statt und waren oft von Drohungen und körperlicher Gewalt begleitet. Ehemalige Häftlinge berichteten später, wie sie durch Schlafentzug, stundenlanges Stehen, tagelangen Arrest oder Aufenthalt in Wasserzellen zu Geständnissen gezwungen wurden.

Kellergefängnis "U-Boot", Zelle 16 Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

Zu den Inhaftierten zählten neben NS­-Verdächtigen vor allem mutmaßliche politische Widersacher: Vertreter demokratischer Parteien, aber auch Kommunisten und sowjetische Offiziere, die als nicht linientreu galten. Die meisten von ihnen wurden später von Sowjetischen Militärtribunalen zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt. Fast alle, die nach dem Ende der SED­-Diktatur einen Antrag auf Rehabilitierung stellten, wurden von den russischen Behörden für unschuldig erklärt.

Das Stasi-Gefängnis

Nach der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR übernahm dieses im März 1951 das Kellergefängnis. In den fünfziger Jahren litten hier zahlreiche Menschen, die sich der kommunistischen Diktatur widersetzt hatten. Die Liste der Inhaftierten reicht von Streikführern des Aufstands vom 17. Juni 1953 bis zu Anhängern der Zeugen Jehovas.

Zelle im Gefängnisneubau, Türbereich Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

 

Doppelzelle im Gefängnisneubau Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

Auch Funktionäre saßen monatelang in den gruftartigen Zellen ein: unter anderem der Leiter des Aufbau­-Verlags Walter Janka und der in Ungnade gefallene ehemalige DDR­-Außenminister Georg Dertinger (CDU). Selbst SED­-Kritiker aus dem Westen wurden vom MfS entführt und nach Hohenschönhausen gebracht – wie der Westberliner Rechtsanwalt Walter Linse, der 1952 gekidnappt und ein Jahr später in Moskau hingerichtet wurde.

Ende der fünfziger Jahre mussten Häftlinge eines benachbarten Arbeitslagers des MfS einen Neubau mit über 200 Zellen und Vernehmerzimmern errichten. Der riesige Gefängniskomplex war Teil eines geheimen Sperrbezirks, den zu DDR­-Zeiten kein normaler Bürger betreten durfte. Festgehalten wurden hier vor allem Menschen, die versucht hatten zu fliehen oder auszureisen oder die wegen ihrer politischen Meinung verfolgt wurden.

Die Gedenkstätte

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurde das Gefängnis in Berlin­-Hohenschönhausen am 3. Oktober 1990 geschlossen. Ehemalige Häftlinge setzten sich dafür ein, an diesem Ort eine Gedenkstätte zu schaffen. Die weitläufige Haftanstalt wurde 1992 unter Denkmalschutz gestellt und zwei Jahre später zur Gedenkstätte erklärt. Seit Juli 2000 ist sie eine selbständige Stiftung öffentlichen Rechts.

Vernehmerzimmer im Gefängnisneubau, Draufsicht Foto (c) Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon

Die Gedenkstätte hat laut Gesetz die Aufgabe, „die Geschichte der Haftanstalt Hohenschönhausen in den Jahren 1945 bis 1989 zu erforschen.“ Sie soll durch Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen informieren und zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung in der kommunistischen Diktatur anregen.

Das einstige Stasi­Gefängnis wird jedes Jahr von mehr als 440.000 Menschen besucht; nahezu die Hälfte von ihnen sind Schüler. In der Regel werden sie von ehemaligen Häftlingen durch das Gelände geführt.

 Quelle: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen